Und viele breiteten auf dem Weg ihre Kleider aus, andere streuten Zweige, die sie auf den Feldern abgeschnitten hatten. (Markus 11, 8)
Am Sonntag war Palmsonntag, der Tag, an dem sich die Kirche an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnert. Es ist der Auftakt zur intensivsten Woche im christlichen Kalender. Jubel, Zusammensein mit engen Freunden, Verrat, Folter, Tod und dann: Auferstehung, neues Leben, zwar ein ganz anderes als das bekannte, und doch wahr.
Viele Predigten zum Palmsonntag nehmen diese Dynamik von Jubel und Trauer auf. Sie setzen sich damit auseinander, wie schnell Jubel in Hass umschlagen kann, mit dem Ruf «Kreuzige ihn» (Markus 15, 13).
Aber hoppla: im Vers hier heisst es zwar «viele», aber das ist noch lange nicht das ganze Volk! Könnte es sein, dass nicht ganz Jerusalem wankelmütig mal dies, mal das sagt und fordert, sondern dass es verschiedene Gruppen sind? Die Evangelien sind da nicht eindeutig. Bei Johannes und Matthäus scheint es sich um grosse Menschenmengen zu handeln, Markus redet von vielen, und bei Lukas könnten es sogar nur die Schar derer sein, die Jesus schon länger nachfolgten.
Guter Gott,
oft hängen wir überkommenen Vorstellungen an und schauen und hören gar nicht mehr genau hin. Oder wir schliessen von einigen oder vielen auf alle.
Hilf Du uns, auch auf die feinen Unterschiede zu achten, und darauf, ob die Wirklichkeit tatsächlich dem Bild entspricht, das wir uns von ihr machen.
Hilf uns, vom «alles oder nichts» wegzukommen und Kompromisse zu schliessen, die allen Menschen ein gutes Leben ermöglichen.
Amen
Brigitta Josef, Pfarrerin
