Dieses Gebot haben wir von ihm: Wer Gott liebt, soll auch seinen Bruder lieben. (Johannesbrief 4,21)
Der Satz, der hier als Zitat ausgegeben wird, findet sich so nirgends im Neuen Testament. Aber es ist klar, welches Gebot gemeint ist. «Liebe deinen Nächsten […] wie dich selbst!» In diesem Satz aus dem Alten Testament sah Jesus den ganzen Willen Gottes für die Menschen.
Interessant ist, dass im Johannesbrief nun plötzlich der «Nächste» durch den «Bruder» ausgetauscht wird. Der Nächste ist irgendjemand, der mir gerade begegnet. Der Bruder ist mein Mitchrist. Da hat sich etwas verschoben.
Man kann es nachvollziehen, dass sich die johanneische Gemeinde auf sich selbst zurückgezogen hat. Sie war eine kleine Gruppe, die sowohl von der Mehrheitsgesellschaft also auch von den übrigen Christen angefeindet wurde. Ihre Liebe war bei so viel Hass von aussen schlicht überfordert. Das darf man ihr nicht zum Vorwurf machen. Es waren – wie wir auch – fehlerhafte Menschen mit begrenzten Ressourcen.
Wenn ich es genau nehme, bin ich schlicht überfordert mit dem, was ich als Gottes Willen wahrnehme. Ich kann ihn nicht erfüllen, oder jedenfalls nur sehr beschränkt. Doch genau dafür hat mir Gott seine Vergebung zugesprochen. Aber zu einfach machen sollte ich es mir damit auch nicht. Das Gebot bleibt, seine Anforderung an mich auch, aber ich darf darauf vertrauen, dass ich trotz meines Versagens in Gottes Liebe geborgen bin.
Ewiger Gott
Vergib mir, wo ich nicht lieben kann.
Stärke mich durch deine Liebe,
damit ich sie weitergeben kann.
Amen.
Michael Rahn, Pfarrer
