Am siebten Tag des fünften Monats […] rückte Nebusaradan, der Befehlshaber der Leibwache und Diener des Königs von Babel, in Jerusalem ein und steckte das Haus des HERRN, den königlichen Palast und alle Häuser Jerusalems in Brand. (Könige 25,8.9)
Was wir hier lesen, ist ein Bericht über die Eroberung und Zerstörung der Hauptstadt des kleinen Königreichs Juda im Jahr 587 v. Chr durch einen babylonischen General. Dies war eine damals gängige Kriegsmassnahme und begründete – naheliegenderweise – ein kollektives Trauma. Ungewöhnlich ist, dass es die Überlebenden schafften, sich eine religiöse und kulturelle Eigenständigkeit und etwas später sogar eine gewisse politische Autonomie zu bewahren. Der zweite Tempel wurde gebaut. Dies führte auch dazu, dass dieses Trauma in vielen schriftlichen Zeugnissen direkt und indirekt festgehalten und überliefert wurde. Wir finden viele davon im Alten Testament.
Das Volk des Alten Israel, das ins Judentum mündete, erlebte noch so manches kollektive Trauma in den folgenden 2500 Jahren. Zwei Zerstörungen Jerusalems durch die Römer, die gewaltsame Unterdrückung durch christlich und islamisch motivierte Herrscher im Mittelalter, der Holocaust im letzten Jahrhundert. Kein Wunder, wirken diese Traumata auch heute noch nach!
Wie weit und unter welchen Umständen es allerdings sinnvoll und legitim ist, Begebenheiten aus biblischen Zeiten in gegenwärtige politische Diskussionen einfliessen zu lassen, steht nochmals auf einem ganz anderen Blatt Papier.
Ewiger Gott
Dir ist nichts verborgen.
Dir vertrauen wir unsere Verletzungen, unsere Ängste und unser Leiden an.
Amen.
Michael Rahn, Pfarrer
