Gott bin ich und nicht Mann, heilig mitten bei euch. (Hosea 9,11)
Die üblichen Bibelübersetzungen trötzeln: Gott – das Göttliche – sei kein «Mensch», meinen sie und bedienen damit das Selbstverständliche. Was beim Propheten Hosea steht, ist aber etwas anderes, und zwar eindeutig: «Gott bin ich und nicht Mann».
Die Männlichkeit, von der Gott sich hier distanziert, zeigt sich in masslosen Wutausbrüchen, und auch das ist interessant. Denn offensichtlich geht es nicht um Biologie (es gibt auch Frauen, die zu derartigen Exzessen neigen). Gemeint ist das, was heute neudeutsch «Gender» heisst: eine soziale Zuschreibung und Verhaltensnorm.
Gott lässt sich darauf nicht verrechnen, sondern bildet eine Kategorie für sich, ist eine nicht binäre, nicht auf «männlich» oder «weiblich», «väterlich» oder «mütterlich» reduzierbare Gestalt: eine Wesenheit, die an derartigen Rollen Anteil hat, darin aber nicht aufgeht, eine fluide Persönlichkeit, die sich auf kein Entweder-oder festlegen lassen kann und will.
Ein späterer Ausdruck dieser Verweigerung ist die christliche Vorstellung der Dreifaltigkeit. Das Göttliche ist in sich vielfältig. Als «Vater» und «Sohn» übersteigt Gott* die Grenzen zwischen Herkunft und Gegenwart, Patriarchat und Rebellion, Dominanz und Abhängigkeit. Der göttliche «Geist» – in der Bibel eine weibliche Instanz – vermittelt zwischen diesen Gestalten, löst sie auf und lässt sie an etwas Drittem teilhaben.
Sollten wir tatsächlich Gottes Ebenbild sein, könnten wir aus dieser Vielfalt vielleicht das eine oder andere lernen.
Des freu sich alle Christenheit
und lobe die Dreifaltigkeit
von nun an bis in Ewigkeit.
(Kirchengesangbuch Nr. 468)
Hansueli Hauenstein
