Ihr sollt nicht stehlen und nicht lügen und einander nicht betrügen. (3. Mose 19,11)
Wer die zehn biblischen Gebote auch nur flüchtig gestreift hat, wird wissen, dass eines davon das Lügen verbietet. Damit trifft es sich mit der allgemeinen Moral rund um den Erdkreis, und entsprechend wirkungslos ist es geblieben.
«Lügen» heisst, etwas sagen, was dem genannten Sachverhalt nicht entspricht. Es ist ein Sprachphänomen. Liest man die Bibel genau, steht in den Geboten allerdings ein anderes Wort, eines, das eher so etwas wie täuschen, tricksen, hintergehen oder, mundartlich, «bschiisse» bedeutet. Speziell im Bereich des Handelns und Handels soll ich andere nicht übers Ohr hauen. Leider hat auch diese Version sich kaum besser durchgesetzt.
Das Lügen im Sinn des bewussten Verbreitens von Unwahrheiten kommt dann anderer Stelle vor. Zum ersten Mal begegnen wir ihm beim Propheten Bileam. Das ist der, der seinen Esel schlägt, weil dieser klüger ist als er selbst, sprechen kann und eine Wahrheit kennt, die der Prophet erst noch lernen muss.
Etwas später sagt Bileam dann den denkwürdigen Satz: «Anders als ein Mann, lügt Gott nicht». Das sitzt.
Mit Männern und ihrem Wahrheitsempfinden hat Bileam wohl schlechte Erfahrungen gemacht. Der Lektion, die ihn sein Esel gelehrt hat, scheint er hingegen zu vertrauen. Wen wundert’s? Schliesslich vernahm er ihn ihr ja eine göttliche Stimme und Wahrheit.
Ich seh im Spiegel seiner Schrift
die Wahrheit, die mein Leben trifft.
(Kirchengesangbuch Nr. 271)
Hansueli Hauenstein
