Wie der Sperling wegflattert, wie die Schwalbe entfliegt, so ist ein Fluch ohne Grund: Er trifft nicht ein. (Sprüche 26,2)
Sie sind wieder da. Hoch im Himmel jagen sie dahin, drehen ihre queren Kurven, flitzen haarscharf an meinem Balkon vorbei, steigen und fallen in atemberaubendem Tempo und rufen ihr durchdringendes srieh srieh als wollten sie mich begrüssen.
Sie sind heimgekommen, an den Ort ihrer Geburt, nach tausenden von Kilometern in der Luft, wo sie auch schlafen, wo sie sich treiben lassen in den Strömungen, die sie tragen, wo sie ihre Richtung finden, als würde eine unsichtbare Hand sie leiten.
«Spieri» hat meine Grossmutter sie genannt und damit aus ihrem Ruf einen Namen gemacht. «Mauersegler» heissen sie umständlicher. Wunderwesen sind es, denen der englische Biologe Charles Foster ein faszinierendes Buch gewidmet hat.
Auch in der Bibel ist die «Schwalbe» zu finden, unter verschiedenen Bezeichnungen, und nicht immer ist klar, welcher Vogel nun wirklich gemeint ist. In Israel jedenfalls war und ist sie bekannt. Wahrscheinlich fand sie Zuflucht in den Nischen des Tempels. Ihre Verlässlichkeit, die sie vom Menschen unterscheidet, ist Jeremia ein Lob wert, und der israelitische König Hiskija vernimmt in ihrer Stimme sein eigenes Klagen in schwerer Bedrängnis durch innere und äussere Feinde.
Frei und ungebunden ist sie, weil sie Flügel hat, die sie wegtragen vom Fluch des beschwerten Lebens und all der Opfer, die er fordert. Dass er nicht eintrifft, können Menschen in Palästina, denen keine Flügel geschenkt sind, heute nur hoffen.
Indes, wie über Land und Meer
der Störche Zug, der Schwalben Heer
der Sonn entgegenstreben:
So lass zu dir die Seelen fliehn,
zu deinem Paradiese ziehn,
an deiner Sonne leben.
(Kirchengesangbuch Nr. 544)
Hansueli Hauenstein
