Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben. (1. Johannesbrief 4,11)
Dass Gott alle Menschen liebe und dass jede und jeder einzelne von uns gleichermassen und bedingungslos an dieser Liebe teilhabe, gehört zu den Mantras neuzeitlicher Frömmigkeit weit über Kirchengrenzen hinaus.
Der Gedanke ist verlockend und eingängig, oft wohl auch tröstlich. Trotzdem hinterlässt er den etwas faden Nachgeschmack eines allzu süssen Weihnachtsgebäcks – und in der Bibel ist er (entsprechend) nur ganz am Rand in homöopathischer Dosis zu finden.
Im Ersten Testament gilt die göttliche Liebe den «Gerechten», also denen, die den göttlichen Willen erfüllen; sie gilt dem grossen König Salomo; und sie gilt dem Volk Israel, dem Gottesvolk. In den Evangelien spricht Johannes von der göttlichen Liebe zum «Kosmos» (was die Menschen irgendwie miteinschliessen mag), ansonsten schweigt man sich aus. Paulus schreibt an einer einzigen Stelle über die Liebe Gottes «zu uns», womit wohl die Christusgläubigen gemeint sind, und dasselbe gilt für eine Stelle im Brief an die Gemeinde in Ephesus.
Bleibt der erste Brief des Johannes. Dort (und nur dort) lesen wir tatsächlich ausführlicher von der göttlichen Liebe zu uns – einer Liebe, die sich allerdings auf das Engste mit der Liebe zwischen uns verbinden muss und anders weder wirklich noch wahrnehmbar ist.
Für mein Empfinden ist das ein wohltuend ernüchternder Befund. Er befreit nicht nur von der klebrigen Anmassung und Zumutung, immer und überall geliebt zu sein, sondern verweigert sich auch der unerträglichen Vorstellung, menschliches Verhalten sei bedeutungslos, wenn es um das Aufgehobensein im gnädigen Licht liebevoller göttlicher Zuwendung geht.
Wir wären ein Nichts unter Sternen,
ein Hauch, den die Waage nicht misst,
wär Liebe, was wir nicht mehr lernen,
und Gott, was die Erde vergisst.
(Kirchengesangbuch Nr. 39)
Hansueli Hauenstein
