Als Jesus von dem Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollendet. (Johannes 19,30)
Unmittelbar bevor am 15. Juli 1904 der russische Arzt und Dichter Anton Tschechow in einem deutschen Kurort an Tuberkulose starb, sagte er, nachdem er sich im Bett aufgerichtet hatte, mit lauter und fester Stimme auf Deutsch zu seinem Arzt und zu seiner Frau, die bei ihm am Bett standen: «Ich sterbe.»
Schmerzhaft genau und nüchtern beschreibt dieser Satz, was nur der Sterbende selber erfahren kann. Nur er kann diesen Satz aussprechen. Nur er weiss, was er bedeutet. Er ist allein mit seinem Satz. Sein «Ich» schliesst niemanden mehr ein, ausser ihn selbst, den Sterbenden, der sich bald der Sprache entziehen wird.
Tschechow nahm für seinen letzten Satz eine Fremdsprache in Anspruch. Es ist, als ob dieser Satz, ja die Sprache selbst sich lösen würde von diesem sterbenden Körper, und damit auch das Ereignis, das sie beschreibt. Es ist nicht die vertraute Muttersprache, nicht der vertraute Dialekt, in die der Tod eingebettet werden könnte. Diese sterben mit dem Sprechenden.
Der todkranke Dichter löst sich mit seinen Worten von dem, was ihm vertraut ist: von seinem Körper, der verloren geht, von seiner Sprache, die ihre Bedeutung verliert, von seiner Ehefrau, die ohnmächtig am Bett steht.
Er hebt sein Sterben auf in zwei Worten einer fremden Sprache, wo sie weiterleben, weil sie dort allen gehören: «Ich sterbe». Es ist vollendet.
Danach mit ihm auch sterben
und geistlich auferstehn,
das ewig Leben erben,
wie an ihm ist geschehn.
(Kirchengesangbuch Nr. 360)
Hansueli Hauenstein
