Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. (Johannes 8,32)
Ein vielleicht dreissigjähriger Jude des ersten Jahrhunderts – unstet, ungebunden, wortgewandt, charismatisch, missverstanden und bedrängt – sagt von sich selbst, er sei «die Wahrheit»: ein eindrücklicher Anspruch!
Denn wohlgemerkt: es geht hier nicht um eine der vielen Wahrheiten, die wir einander ja mehr oder weniger zugestehen mögen. Es geht um die Wahrheit schlechthin: gültig für alle, immer, überall.
Hinter diesen Anspruch können wir nicht zurück: dass wir der Wahrheit im Ich eines einzelnen Menschen begegnen, seinem Leben, seinem Handeln, seinem Sterben. Nur sollten wir genau hinhören. Der Jesus des Johannes sagt nicht, er sage die Wahrheit, oder er habe sie. Er sagt, er sei sie, das heisst, er verkörpere sie, er lebe sie, sie werde an ihm wahrnehmbar, erfahrbar.
Das griechische Wort für Wahrheit, das Johannes verwendet, bedeutet wörtlich das Unverborgene, das Offensichtliche. Im Dasein eines einzelnen Menschen enthüllt sich die Wahrheit des Menschen, des Menschseins überhaupt.
Und dort und darin und nicht in allerlei theologischen Spekulationen und Behauptungen liegt auch die Wahrheit Gottes, der, wie Johannes sagt, «Fleisch» geworden ist: vergängliches, flüchtiges, bedrohtes, sterbendes Dasein.
Gott ist im Fleische. Wer kann dies
Geheimnis verstehen?
Hier ist die Pforte des Lebens
nun offen zu sehen.
(Kirchengesangbuch Nr. 404)
