Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Ewige. (Jesaja 55,8)
In der westlichen Geistesgeschichte haben drei grosse Ereignisse nachhaltig ihre Spuren hinterlassen: die kopernikanische Wende, die unsere bewohnte Erde aus dem geglaubten Zentrum des Universums an seinen Rand versetzte; die Evolutionstheorie Darwins, die den Homo Sapiens von seinem als exklusiv geglaubten Schöpfungsthron schleuderte; und die Psychoanalyse Freuds, die dem menschlichen Ich die geglaubte Herrschaft über sein Handeln und Denken raubte.
Eine vierte, in ihrem Ausmass vergleichbare Kränkung menschlicher Selbstüberschätzung ist im Anzug: die sogenannte «Künstliche Intelligenz», die bald wesentliche Aspekte unseres Denkens und Handelns kopieren, übernehmen und überbieten wird. Aber nicht nur dies: sie wird auch das in ein neues Licht stellen, was wir unter sozialen Beziehungen verstehen. Nach der kosmologischen, der biologischen und der psychologischen Revolution läutet die KI eine soziale ein. Menschen werden enge persönliche und emotionale Beziehungen zu ihren eigenen Konstrukten entwickeln und diese als eigenständig und selbstbewusst wahrnehmen.
In der populären Kultur, im Film, in der Literatur ist dies längst ein Thema. Die Kirche und die Theologie hinken unbeholfen hinterher. Dabei hätten doch gerade sie (wie die Religionen überhaupt) einiges zu sagen, wenn es um intime Beziehungen zu einem virtuellen und als überlegen geglaubten Gegenüber geht – zum Fluch ebenso wie zum Segen.
Denn alles, was mein Glaube sieht,
spricht Seine Sprache, singt Sein Lied.
(Kirchengesangbuch Nr. 271)
Hansueli Hauenstein
