Bin ich denn der Hüter meines Bruders? (1. Mose 4,9)
Es ist ein manchmal schmaler Grat, auf dem wir gehen als Gegnüber unserer Mitmenschen. Der Satz oben signalisiert Absturzgefahr auf zwei Seiten. Soll ich meines Bruders (oder meiner Schwester oder einfach meines Mitmenschen) Hüter oder Hüterin sein?
Manchmal sicher ja. Dann, wenn jemand Hilfe braucht und auch will. Dann, wenn jemand Mitgefühl braucht und Aufmerksamkeit und meine Bereitschaft ihm oder ihr beizustehen. Das kann auch ganz schön anstrengend sein und an den eigenen Kräften zehren. Dann denke ich plötzlich: «Der soll doch für sich selber sorgen.» «Die ist doch längst erwachsen.» Ich wäre als Hüter gefragt und will oder kann nicht.
Manchmal aber auch nein. Dann, wenn ich jemanden bevormunden will, ihm sagen will was er zu tun oder zu lassen habe. Weil ich es – vermeintlich – besser weiss. Weil ich die Wahrheit kenne. Weil ich auf der Seite der Guten bin. Ich bin als Hüterin unangemessen aufdringlich. Es wäre besser, mein Tun, Reden und meine Haltung zu überdenken.
Und manchmal mache ich auch alles richtig und es gelingt, einem Menschen das zu geben, was er genau in diesem Moment braucht.
Ewiger Gott
Hilf mir, auf die Bedürfnisse meiner Mitmenschen richtig zu reagiern.
Und behüte und beschütze du mich
und alle Welt.
Amen.
Michael Rahn, Pfarrer
