Und sie beteten und sprachen: «Du, Herr, Herzenskenner aller, zeige von diesen beiden den einen an, den du auserwählt hast, damit er die Stelle dieses Dienstes und Apostelamtes empfängt, von dem Judas abgewichen ist, um an seinen eigenen Ort zu gehen.» Und sie warfen Lose für sie, und das Los fiel auf Matthias, und er wurde den elf Aposteln zugezählt. (Apostelgeschichte 1,24-26)
Ein Mitglied der Kirchenpflege gibt seinen Rücktritt bekannt. Es hat sich einiges zu Schulden kommen lassen. Eine ausserordentliche Kirchgemeindeversammlung wird einberufen, um über die Situation zu informieren. Der Präsident begrüsst die ungewohnt zahlreich erschienenen Anwesenden und hält eine Rede, in der er kein gutes Haar an dem Ausgetretenen lässt. Dabei beruft er sich auf die Bibel und auf Gerüchte, die schon in der Gemeinde im Umlauf sind.
Nach der Rede kommt es zur Wahl. Der Präsident bittet um Vorschläge aus der Runde. Nach langem Hin und Her werden zwei Personen vorgeschlagen und das Wahlverfahren wird bekannt gegeben: jede Seite einer Münze wird einem Kandidaten zugeordnet, danach wird die Münze in die Luft gewirbelt, aufgefangen und auf den Tisch gelegt. Wer oben liegt, gewinnt. Da dieses Vorgehen für die Versammlung befremdlich wirken könnte, bitte der Präsident die Anwesenden um ein Gebet dafür, dass die Wahl recht herauskommt.
Diese Geschichte ist frei erfunden. In weiten Zügen entspricht sie aber dem, was wir am Anfang der Apostelgeschichte über die Vorgänge in der ersten christlichen Gemeinde hören. Der Ursprung der Kirche wird dort mit Vorgängen verbunden, die uns Heutigen mehr als fragwürdig erscheinen müssen.
Der Heilige Geist wird in Anspruch genommen, um einen Menschen zu verteufeln, um dubiose Verfahren der Gemeindebildung zu rechtfertigen und um auf demagogische Weise den Weiterbestand der Institution zu sichern. Hoffen wir, dass die Geistkraft weiterhin dort weht, wo sie will, wie Jesus sagt – wenn möglich als Gegenwind.
Unser Wissen und Verstand
ist mit Finsternis verhüllet,
wo der Geist, den du gesandt,
nicht mit hellem Licht uns füllet.
(Kirchengesangbuch Nr. 159)
