… Braus Gottes schwingend über dem Antlitz der Wasser. (Genesis 1,2)
Lesen und geniessen Sie diese Wörter doch gleich noch einmal! Sie wurden von Martin Buber (1878-1965) und Franz Rosenzweig (1886-1929) entdeckt, bei ihrem Versuch nämlich, den hebräischen Urtext der biblischen Schöpfungsgeschichte ins Deutsche zu übertragen.
In den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts machten sich die beiden ans Werk – und «übertragen» ist hier das richtige Wort. Es deutet an, dass die beiden Gelehrten mit schöpferischer Kraft arbeiteten. Der Sinn der hebräischen Worte sollte in den deutschen Wendungen erhalten bleiben.
«Und es war finster auf der Tiefe und der Geist Gottes schwebet auf dem Wasser», übersetzte Luther. Buber und Rosenzweig bringen die «Tiefe» in ein unheimliches Wirbeln, machen den «Geist» zum schwingenden (swingenden?) Braus und geben der Wasserflut ihr Gesicht zurück: Beziehung statt Hierarchie.
An anderer Stelle lösen sie sich entsprechend von dem unsäglichen deutschen «Herr», wenn es um das Göttliche geht, und nennen es, dem Geheimnis des Gottesnamens angemessen, schlicht «Du».
Die Übertragung von Buber-Rosenzweig macht aus den biblischen Texten auch für uns Fremdsprachige das, was sie immer schon waren: hochkarätige Poesie – Wortschöpfungskunst.
Du begegnest
im Wort, das uns heute berührt.
(nach Kirchengesangbuch Nr. 39)
Hansueli Hauenstein
