Und das ganze Volk sprach zu Samuel: Bitte den Ewigen, deinen Gott, für deine Knechte, dass wir nicht sterben! Denn zu allen unseren Vergehen haben wir das Böse hinzugefügt, einen König für uns zu begehren. (1. Samuelbuch 12,19)
Zugegeben: die englische Krönungszeremonie hat auch mich fasziniert: die rituelle Raffinesse und das altehrwürdige Pathos der anglikanischen Messe, die religiöse Vielfalt als deren Rahmen, die prächtigen Gewänder, die festliche Musik, der reine Gesang.
Etwas steckengeblieben bin ich bei den andauernden Seitenblicken auf die Texte, die den jeweils Sprechenden hingehalten wurden. Jedes Wort war vorgegeben und wurde vom Formular abgelesen.
Sprache folgt hier zusammen mit Gestik, Kleidung und religiöser Symbolik der Konvention und erstarrt in ihrer Feierlichkeit. Deshalb bleibt auch die andauernde wechselseitige Spiegelung von weltlicher und göttlicher Königsherrschaft im Raum stehen. Der neue König soll unwidersprochen leuchten im Glanz göttlicher Gnade.
Kulturgeschichtlich dürfte das Bild des göttlichen Königtums allerdings ein Reflex auf die sehr irdischen Herrschaftsansprüche weltlicher Machthaber sein. Im besten Fall (wie im Samuelbuch) relativiert es diese; im schlechtesten legitimiert es sie. Deshalb ärgern mich weniger die Kosten des britischen Zeremoniells (wir geben für Dümmeres mehr Geld aus) als die Zementierung überkommener Gottesbilder, die darin erfolgt.
Der Sammet und die Seiden dein,
das ist grob Heu und Windelein,
darauf du König gross und reich
herprangst, als wär’s dein Himmelreich.
(Kirchengesangbuch Nr. 394)
Hansueli Hauenstein
