Der Mensch antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. So habe ich gegessen. (1. Buch Mose 3,12)
Die Menschen essen von den Früchten des Baumes, der mitten im Paradies steht. Davon gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen Gut und Böse. So will es der biblische Mythos.
Spätere Generationen haben diese Erkenntnis mit der Wahrnehmung der eigenen Nacktheit verknüpft: «Adam» und «Eva» hätten sich nach dem Genuss der verbotenen Frucht ihres nackten Körpers geschämt, darin das Böse entdeckt und sich deshalb sogleich mit einem Feigenblatt zu bedecken versucht.
Eine solche sexualisierte, moralistische Auslegung des «Sündenfalls» ist nicht nur verklemmt, wie die Kirchengeschichte anschaulich demonstriert, sie ist auch einfältig. Denn das Böse und seine Erkenntnis haften in der Urgeschichte nicht am nackten Körper, sondern an der Schuldzuweisung des Proto-Menschen: das Böse besteht darin, es anderen unterzuschieben und die Welt fein säuberlich in Unschuldige (ich selbst und meinesgleichen) und Schuldige (die anderen) einzuteilen.
Diese «Erkenntnis» hat nicht verhindert, dass ihr Kain und Abel, dass ihr Mord und Totschlag auf dem Fuss gefolgt sind – im Gegenteil, sie hat es noch befördert. Die auf allen Seiten grausamen Kriege, in denen angeblich «Gute» gegen angeblich «Böse» kämpfen, zeigen es. Wir sind unseren ersten Ahnen wohl ähnlicher, als uns lieb ist.
Klebe mir, Gott, den Mund nicht zu
mit Ausflucht oder mit kindischem Trotzen,
öffne, der du die Stammelnden liebst,
ihn der geläufigen Rechtfertigung nicht.
(Rudolf Otto Wiemer, Kirchengesangbuch Nr. 214)
Hansueli Hauenstein
