Wir haben euch auf der Flöte gespielt, und ihr habt nicht getanzt.
Wir haben Klagelieder gesungen, und ihr habt nicht geweint.
(Lukas 7,32)
Ich sitze vor meinem Computer und schreibe «Ich sitze vor meinem Computer und schreibe». Aber wem? Wer hat Zeit, Musse, Interesse, sich mit den Gedanken eines Menschen abzugeben, der irgendwo in den Weiten des weltweiten Marktplatzes nach Worten sucht?
Die «Wörter zum Tag», die hier regelmässig zu lesen sind, haben etwas seltsam Unbeholfenes, etwa so wie die blauen Plakate mit den gelben Bibelsprüchen, die da und dort unsere Strassenränder zieren (oder was auch immer sie dort tun).
Meine Gedanken kreisen um solche «Bibelsprüche», um Text gewordene Erfahrungen von Menschen lange vor meiner Zeit. Oft sind sie in einer Sprache gestaltet, die ein hoffnungslos antiquiertes Weltbild spiegeln. Der «Himmel» und sein dort angeblich befindlicher «Gott» sind nur Beispiele dafür.
«Die aber, deren Beruf darin besteht, die Wörter zu ändern, um den Sinn zu bewahren, die Geistlichen, haben es vorgezogen, die Wörter fromm zu bewahren auf die Gefahr hin, den Sinn zu verlieren», schreibt der französische Soziologe Bruno Latour in seinem wunderbaren Buch «Jubilieren».
Autsch – Volltreffer. Andererseits: Wenn die «Geistlichen» sich bemühen, den Sinn zu bewahren, indem sie auf den Marktplatz gehen, aus alten Wörtern Tanz- und Klagelieder gestalten und zum Mitspielen einladen: wer hört dann noch zu?
Hallo! Ist da jemand?
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.
(Dietrich Bonhoeffer, Kirchengesangbuch Nr. 550)
Hansueli Hauenstein
