Glücklich sind die Armen hinsichtlich des Geistes, denn ihrer ist das Reich der Himmel. (Matthäus 5,3)
Die erste der sogenannten Seligpreisungen zeigt die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn Gesprochenes verschriftlich und in andere Sprachen übersetzt wird. Jesus sprach Aramäisch. Was er sagte, versuchte sein Interpret Matthäus auf Griechisch zu übertragen. Und wir lesen seine Worte meistens in einer mehr oder weniger zeitgemässen deutschen Version.
Beginnen wir bei den Armen. Sind damit die Bettlerinnen und Bettler gemeint, die damals wie heute die Strassenränder der Städte säumen? Oder geht es um eine Haltung, eine Charaktereigenschaft, eine innere Armut? Das griechische Wort für «arm» stammt von einem Ausdruck, der «kauern», «sich ducken» bedeutet. Das lässt die Frage offen, ob die glücklichen Armen Sozialfälle sind oder einfach nur bescheidene Menschen. (Nur?)
In welche Richtung es geht, hängt davon ab, wie man den nachfolgenden Bezug auf den «Geist» versteht. Im Griechischen steht hier ein Dativ, ein Fall, der eine Ursache oder eine Beziehung zum Ausdruck bringt: Die Armen sind arm durch den Geist oder bezüglich des Geistes.
Der «Geist» ist weder ein Gespenst, noch unser Verstand, sondern die Vitalität, die alles Lebende erfüllt und mit dem Göttlichen verbindet. Dass dieser Geist Menschen innerlich oder äusserlich verarmen lässt, ist kaum anzunehmen. Arm sein können wir also nicht durch, sondern in der Beziehung zu der Geistkraft: in der Art, wie wir ihr gegenüber empfinden, denken und handeln.
Damit nähern wir uns dem, was der grosse Meister Eckart von den glücklichen Armen gepredigt hat: dass sie die sind, die nichts wollen (auch nicht Gottes Willen erfüllen), nichts wissen (auch nichts über das göttliche Wollen) und nichts haben (auch keinen gotterfüllten Raum in sich selbst).
Mache mich einfältig, innig, abgeschieden,
sanft und still in deinem Frieden.
(Kirchengesangbuch Nr. 162)
Hansueli Hauenstein
