Verschlungen ist der Tod vom Sieg.
Tod, wo ist dein Sieg?
Tod, wo ist dein Stachel?
(1. Korintherbrief 15,55)
Als meine älteste Tochter ein Kind war, wohnten wir am Rand des Friedhofs. Über diesen stillen Ort führte auch ihr Schulweg. Wahrscheinlich aus diesem Grund wurde die Kleine verdächtigt, sie nähme es mit Mein und Dein nicht so genau, denn manchmal blieb sie unterwegs an den Gräbern stehen und bespritzte sie mit dem geweihten Wasser, das dort bereit stand. Als Instrument diente ihr einer der kleinen Besen in Gestalt einer Abwaschbürste mit Drahtstiel, die sozusagen zum katholischen Grabinventar gehören.
Die konfessionelle Grenzüberschreitung nahm ich gerührt entgegen, den Verdacht, mein Kind würde die Drahtbürste nach erledigter Arbeit einfach mitlaufen lassen, weniger.
Der Groll löste sich dann, als mir ein Nachbar in der Tanne neben seinem Haus ein Krähennest zeigte. Die fürsorglichen Vogeleltern hatten es dort für ihren Nachwuchs gebaut. Und ganz unverkennbar hatten sie sich dafür auch auf dem nahen Friedhof bedient: Weiss ragten die Stiele der kleinen Besen aus dem Nest heraus – ein Instrument der Totenpflege als Baumaterial für neues Leben.
Wann, fragte ich mich, fanden diese geplagten, verachteten, andauernd von Verfolgung, Erschiessung, Vergiftung und Aufhängen bedrohten Vögel die Zeit, neben Nahrungssuche, Nestbau und Brutpflege auch noch die Briefe des Paulus zu lesen?
Erhörst du doch der Raben Stimm
drum unsre Bitt, Herr, auch vernimm.
(Kirchengesangbuch Nr. 629)
Hansueli Hauenstein
