Als Jesus in Bethanien im Haus Simons des Aussätzigen zu Tisch war, kam eine Frau mit einem Alabasterfläschchen voll echtem, kostbarem Nardenöl, zerbrach es und goss es auf sein Haupt aus. (Markus 14,3)
Was da auf den Kopf von Jesus fliesst, kostet das Jahreseinkommen eines Arbeiters. Deshalb ist es wenig verwunderlich, dass die anderen Anwesenden von «Verschwendung» reden und die Frau heftig anfahren: was fällt dir ein?!
Als im Jahr 1911 Textilarbeiterinnen in New York in einen Streik traten, hielt die Gewerkschafterin und gebürtige Russin Rose Schneidermann eine Rede. Darin forderte sie «Brot und Rosen» für die, die unter prekären Bedingungen ihr Leben für ihre Arbeit aufs Spiel setzten. Noch im gleichen Jahr nahm der Schriftsteller James Oppenheim dieses Bild in ein Gedicht auf. Darin beschrieb er die Notwendigkeit des Schönen für Menschen, denen nicht nur die elementaren Lebensmittel – das «Brot» – genommen werden, sondern auch das, was darüber hinaus Leben, Kämpfen und Sterben erträglich macht: die Freude am unbrauchbar Blühenden, am luxuriös Überflüssigen.
Beim Einkaufen in Zürich besorgt eine geflüchtete ukrainische Mutter für ihre beiden Töchter und deren Grosseltern das Nötigste im Coop: Esswaren, Getränke, Putzmittel. Dann legt sie noch einen grossen Strauss Tulpen in den Einkaufswagen. Er steht später in der Unterkunft, die ihnen nach dem Asylheim angeboten wurde.
Was fiel ihr ein?
Den Tisch bereitest du vor mir
selbst vor der Feinde Schar.
Mein Haupt salbst du mit deinem Öl.
Mein Kelch fliesst über gar.
(Kirchengesangbuch Nr. 18)
Hansueli Hauenstein, Pfarrer
