Wenn ich deinen Himmel anschaue, das Werk deiner Finger, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst und der Menschensohn, dass du dich seiner annimmst? (Psalm 8,4-5)
1944 findet der Schweizer Theologe Wilhelm Vischer in Montpellier eigene Worte für den achten Psalm, ein Loblied auf die Schöpfung: Wie herrlich gibst du, Herr, dich zu erkennen – in einer Zeit, als die vielgerühmte europäische Zivilisation kläglich versagt hat und das Ende der Katastrophe noch nicht in Sicht ist. Kann man in einer solchen Zeit Psalmen nachdichten, die die Herrlichkeit Gottes rühmen? Kann man es heute?
Das Vertrauen in die sinnvolle, im Grunde göttliche Gestalt der Welt kann niemand begründen, obschon wir zutiefst davon leben. Vischer wusste das. Gemessen an den Erfahrungen, die Menschen miteinander machen, ist dieses Vertrauen absurd, denn der Mensch ist von den Wesen allen am tiefsten in die Schuld und Schand gefallen. Statt Herr ist er der Sklave der Natur; nach seiner Freiheit seufzt die Kreatur.
Wilhelm Vischer konnte keine reine Harmonie von göttlicher und menschlicher Ordnung mehr verkünden. Er wusste: Wer über der Ahnung göttlicher Grösse die Realität menschlicher Engstirnigkeit vergisst; über dem Vertrauen in einen gütigen neuen Tag die Angst vor menschlicher Finsternis; über dem Staunen vor allem Lebendigen die Verzweiflung über seine permanente Bedrohung und Zerstörung, ist noch nicht wirklich beim Glauben angekommen. Das Umgekehrte gilt aber auch.
Wenn ich den Blick zu deinen Sternen wende
und zu dem Mond, den Werken deiner Hände –
was ist der Mensch, dass du, Herr, sein’ gedenkst,
des Menschen Kind, dass du ihm Liebe schenkst?
(Kirchengesangbuch Nr. 7)
Hansueli Hauenstein, Pfarrer
