Ich werde den Regen fallen lassen zu seiner Zeit – Regengüsse des Segens werden es sein. Und der Baum des Feldes wird seine Frucht geben, und das Land seinen Ertrag. Und sie werden in ihrem Land sicher sein. (Ezechiel 34, 26-27)
Vom Regen weiss die Bibel viel zu erzählen, und wir wissen, dass der erste grosse Regen – Reim hin oder her – kein Segen war, sondern eine Antwort auf die tief verwurzelte menschliche Bosheit: eine existentielle, nicht nur eine meteorologische Erfahrung. Seither sind wir den Eindruck nie losgeworden, das Wetter richte sich irgendwie nach Massstäben menschlicher Moral, sei Lohn oder Strafe.
Deshalb eignet es sich so gut für Sprachbilder und -spiele: Der König ist wie Regen, der herabströmt auf die Au, wie die Tropfen, die die Erde netzen. In seinen Tagen blüht das Recht und reiches Glück (Psalm 72,6-7). Oder umgekehrt: Ein gottloser Mensch, der die Geringen bedrückt, ist wie ein Regen, der wegschwemmt, aber kein Brot bringt (Sprüche 28,3).
Das Wohlergehen oder Leiden der Natur ist hier über die Sprache aufs Engste mit menschlichem Tun und Ergehen verknüpft. Das eine spiegelt das andere. So sind, um auf den Reim zurückzukommen, Degen, Fegen, Hegen und Segen vielleicht Mosaiksteine, die wir erst zusammensetzen müssen, um ein Bild zu bekommen, das uns den Regen und seine Sprache erschliesst.
Hansueli Hauenstein, Pfarrer
Botschaften des Regens
Günter Eich
Nachrichten, die für mich bestimmt sind,
weitergetrommelt von Regen zu Regen,
von Schiefer- zu Ziegeldach,
eingeschleppt wie eine Krankheit,
Schmuggelgut, dem überbracht,
der es nicht haben will –
Jenseits der Wand schallt das Fensterblech,
rasselnde Buchstaben, die sich zusammenfügen,
und der Regen redet
in der Sprache, von welcher ich glaubte,
niemand kenne sie ausser mir –
Bestürzt vernehme ich
die Botschaften der Verzweiflung,
die Botschaften der Armut
und die Botschaften des Vorwurfs.
Es kränkt mich, dass sie an mich gerichtet sind,
denn ich fühle mich ohne Schuld.
Ich spreche es laut aus,
dass ich den Regen nicht fürchte und seine Anklagen
und den nicht, der sie mir zuschickte,
dass ich zu guter Stunde
hinausgehen und ihm antworten will.
