Was ihr von anderen erwartet, das tut ebenso auch ihnen. Lukas 6, 31
Wie wäre es wohl, wenn alle Menschen sich an diese Regel halten würden? Wenn alle allen so begegnen würden, wie sie sich das umgekehrt wünschen oder in einer vergleichbaren Situation wünschen würden?
Der Gedanke ist verlockend und er ist auch nicht auf die christliche Überlieferung beschränkt, sondern kommt auch in anderen Glaubens- und Denktraditionen vor. In einem Newsletter zum Interreligiösen Dialog wurden vergleichbare Sätze aus acht Religionen aufgeführt. Und das überrascht nicht, denn diese Regel leuchtet spontan ein. Die einzige Voraussetzung (oder die Folge der Regel?) ist, dass der oder die andere als gleichwertig betrachtet wird.
Jesus spitzt diese Regel im Lukas-Evangelium etwas zu, indem er sie explizit in den Kontext der Feindesliebe stellt. Aber die meisten Formulierungen in anderen Religionen sind ebenfalls offen für diese Deutung, die über den Kreis derer hinaus geht, die einem spontan sympathisch sind.
Statt eines Gebets teile ich einige dieser Formulierungen mit Ihnen (ohne die Quellenangaben überprüft zu haben).
- Dies ist die Summe aller Pflichten: Tue keinem anderen das Leid an, was bei Dir selbst Leid verursacht hätte. Hinduismus, Mahabharata, V,1517 (vor ca. 3700 Jahren)
- Was Dir weh tut, tue keinem anderen an. Judentum, Talmud, Shabbat (vor ca. 3500 Jahren)
- Tut keinem etwas an, was für Euch selbst nicht gut erschienen wäre. Zoroastrische Religion, Zoroaster Shayast-na-shayast, xiii,29 (vor ca. 3000 Jahren)
- Erachte den Vorteil Deines Nächsten als Deinen Vorteil, und Deines Nächsten Nachteil als Deinen Nachteil. Taoismus, Kan Yein Phien,3 (vor ca. 2600 Jahren)
- Füge Deinem Nächsten nicht den Schmerz, der Dich schmerzt. Buddhismus, The Buddha, Udana, v, 18, (vor ca. 2500 Jahren)
- Keiner von Euch ist ein Gläubiger, solange er nicht das für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst gewünscht hätte. Islam, Mohammed (vor ca. 1300 Jahren)
- Bürdet keiner Seele eine Last auf, die ihr selber nicht tragen wollt, und wünscht niemandem, was ihr euch selbst nicht wünscht. Dies ist Mein bester Rat für euch, wolltet ihr ihn doch beherzigen. Baha’i Religion, Bahá’u’lláh (vor ca. 180 Jahren)Brigitta Josef, Pfarrerin
